Der Glanz der Unsichtbaren

Frankreich 2019
Regie: Louis-Julien Petit
Laufzeit:
102 Min
Genre:
Drama, Komödie
FSK:
ab 6 Jahre
Schulunterricht / Altersempfehlung:
ab 9. Klasse | ab 14 Jahre
Themen:
Soziale Exklusion, Integration, Anerkennung, Arbeitslosigkeit, Armut, Frauen, Wohnungslosigkeit, Gerechtigkeit, Identität, Individuum und Gesellschaft, Menschenwürde, Selbstvertrauen, Solidarität, Widerstand, Werte, Zivilcourage
Unterrichtsfächer:
Sozialkunde, Politik, Religion, Ethik, Lebensgestaltung, Französisch, Deutsch

Beschreibung

Inhalt
Aufgrund ausbleibender Erfolge bei der Reintegration hat die Verwaltung der nordfranzösischen Stadt entschieden, nach einer Frist von drei Monaten das Tageszentrum L‘ Envol für wohnungslose Frauen zu schließen. Manu, Audrey, Hélène und Angélique, die engagierten Sozialarbeiterinnen, sind fest entschlossen, ihre von der Schließung betroffenen Schützlinge, denen der einzige Ankerpunkt ihres Alltags abhanden zu kommen droht, nicht der Straße zu überlassen. Unkonventionell und zivilcouragiert bestärken sie die Frauen, die sich augenzwinkernd hinter Tarnnamen wie Lady Di, Edith Piaf, Salma Hayek und Brigitte Macron verbergen, in ein geregelteres Leben zurück zu finden. Als die Stadt auch noch ein Übergangszeltcamp räumen lässt und die Frauen fernab in eine sterile Resozialisierungseinrichtung verbringen will, wird das alte Zentrum wider alle gesetzlichen Bestimmungen sogar zum Übernachtungsort. Und umso schwungvoller finden hier nun tagsüber von Betreuerinnen und Betreuten gemeinsam organisierte, die Selbstachtung der Frauen steigernde Workshops und andere kreative Aktivitäten statt.

Umsetzung
Abgesehen von den Profi-Rollen der vier Sozialarbeiterinnen fast ausnahmslos mit Laiendarstellerinnen besetzt, die ihr früheres Leben auf der Straße hinter sich gelassen haben, wirkt die als Ensemblefilm umgesetzte Tragikomödie ungewöhnlich authentisch. Die filmische Umsetzung versucht den Blick auf Menschen und Situationen zu lenken, deren Glanz in den Fiktionen des Kinos oft unsichtbar oder doch unterbelichtet bleibt. Im Unterschied zu ähnlichen, dramaturgisch jedoch ungleich wuchtigeren Bestrebungen des sozialdramatischen Kinos etwa eines Ken Loach oder der Dardenne-Brüder fokussiert Louis-Julien Petits Regie mit nebeneinander gestellten Beobachtungen in losen, quasidokumentarisch anmutenden Szenenfolgen unverstellter auf das Schicksal einzelner Protagonistinnen. Mit einem Überschuss an Phantasie und Humor, der die Härten der Realität jedoch nicht ausblendet, entfaltet der Film seine sanft vernehmbare Kritik an den Schattenseiten von Arbeitslosigkeit und Ungerechtigkeit.

Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Die ungewöhnliche Art der Inszenierung dieses Frauen-Ensemblefilms fordert die Thematisierung ästhetischer und filmsprachlicher Mittel, die der Regisseur zur Darstellung seiner „Heldinnen des Alltags“ gewählt hat, geradezu heraus. Dazu eignet sich vor allem die Erörterung der besonderen Rollenbesetzung, der Dramaturgie loser Szenenfolgen und des tragikomischen Humors, die bei allem filmisch Konstruiertem und Spielerischem zusammen genommen viel Authentizität und Glaubwürdigkeit vermitteln. In diesem Zusammenhang sollten aber auch gelegentlich lauernde Gefahren einer sozialromantisch-naiven Vereinfachung mitreflektiert werden. Daran anknüpfend lässt sich die große Stärke des Films aufzeigen und diskutieren, der einen Balanceakt unternimmt: Zum einen zeigt er realitätsnah, wie das Engagement der Sozialarbeiterinnen oftmals an bürokratische Hemmnisse stößt und immer wieder zu scheitern droht; zum anderen macht er gleichzeitig darauf aufmerksam, wie die Helferinnen, vor allem aber die randständigen Frauen, wider alle Härten der Realität sich nicht kleinkriegen lassen und sich solidarisch selbst bestärken.