Call me by your name

Italien, Frankreich, Brasilien, USA 2017
Regie: Luca Guadagnino
Laufzeit:
132 Min
Genre:
Drama, Liebesfilm, Coming-of-Age
FSK:
ab 12 Jahre
Schulunterricht / Altersempfehlung:
ab 11. Klasse / ab 16 Jahre
Themen:
(Homo-)Sexualität, Liebe, Erwachsenwerden, Identität
Unterrichtsfächer:
Englisch, Italienisch, Kunst, Psychologie, Deutsch, Ethik, Philosophie

Beschreibung

Inhalt
Vor dem Landsitz der Perlmans steigt der hochgewachsene Mann aus dem kleinen Auto wie ein aus den 50er Jahren importierter Filmstar: ein blonder Cary Grant oder Rock Hudson mit leichter Sonnenbräune, einem Zahnpastalächeln und Beinen, für die man Bildhauer*in werden möchte. Es ist Sommer 1983 irgendwo in Norditalien und Oliver, der junge Akademiker aus Amerika, wird die nächsten Wochen in der Ferienresidenz von Professor Perlman und dessen Familie verbringen; er wird an seiner eigenen Publikation arbeiten, dem Professor assistieren und sich dem Müßiggang hingeben in dieser Villa, die Savoir-Vivre, Kultur und Bildung atmet. Selbst Elio, der 17-jährige, belesene Professorensohn, wechselt so mühelos zwischen Englisch, Italienisch und Französisch wie er zwischen der Gitarre und dem Klavier wechselt und zwischen verschiedenen Spielarten ein und desselben Stücks. Dem so raumeinnehmenden wie irritierend selbstsicheren Oliver mit seinem dahingeworfenen Abschiedsgruß „Later“ begegnet Elio zunächst etwas abweisend, manchmal beinah feindselig. So allmählich wie dies Elio selbst begreift, begreifen aber auch die Zuschauenden, dass seine kleinen Provokationen ein Begehren offenbaren, das er mit ihnen vergeblich zu kaschieren versucht. Mit der etwa gleichaltrigen Marzia hat Elio zwar schließlich seinen ersten Sex, aber mit Oliver erlebt er seine erste große Liebe mit der einhergehenden Nervosität, Überforderung, dem fast rauschhaften Glücklichsein und dem Schmerz des Abschieds.

Umsetzung
Stellenweise könnte diese Liebesgeschichte für jugendliche Zuschauer*innen durchaus herausfordernd sein – nicht etwa auf der Bildebene (sexuelle Handlungen sind kaum zu sehen), sondern weil der Film so ehrlich und nah vom erwachenden Begehren erzählt: in seiner Ungestümheit und Unbeholfenheit, in seiner Zärtlichkeit und Wildheit, in seinen Forderungen und auch in der Überforderung, die große Intimität zunächst bedeuten kann. „Call Me by Your Name“ portraitiert dieses Begehren, die Sehnsucht und die Scham, weder komisch- noch abstrakt-distanzierend, sondern mit einer wundervollen, greifbaren Sinnlichkeit, die so nahe geht, dass es manchmal fast unangenehm ist. Auch auf das Tempo des Films muss man sich einlassen können: Behutsam und beobachtend, ohne viele Worte, erzählt er von der sich anbahnenden Beziehung, über Blicke und Körpersprache. Zu Recht wurde Timothée Chalamet, den Liebhaber*innen der Berlinale-Sektion „Generation“ aus einer Nebenrolle im Coming-of-Age-Drama „One & Two“ (2015) kennen könnten, zahlreich ausgezeichnet oder für Preise nominiert: Die emotionale Bandbreite seiner Darstellung trägt den Film maßgeblich mit. Daneben sind es die Kameraarbeit und der reichhaltige Sound, die die sinnliche Atmosphäre des Films evozieren. Immer wieder treiben Einstellungen nicht unmittelbar die Handlung voran, sondern erzählen vom Raum, in dem sich die Figuren befinden: von der Trägheit in der sommerlich-verwaisten Stadt mit ihren historischen Steinbauten und dem Zirpen der Grillen in der Natur, von der Kühle der Innenräume und dem Knarren der Holzdielen. Weite Aufnahmen und lange Einstellungen fordern zur Betrachtung der Stimmung auf, bunte Badehosen hängen wie moderne Stillleben über einer Badewanne, manchmal wird ein Körper durch eine überraschende Perspektive besonders in Szene gesetzt. Gemäß dem historischen Setting sind immer wieder Fetzen von 80er-Jahre-Popsongs zu hören, aber das markante, wiederkehrende Thema ist ein Klavierstück von Ravel: „Eine Barke auf dem Ozean“. Man hört dem Stück geradezu die Wellenbewegungen an; als Soundtrack zu den Bildern verleiht es den Szenen manchmal etwas Entrücktes. Prägend sind auch die gewohnt zauberhaften Songs des Singer-Songwriters Sufjan Stevens: Das eigens für den Film komponierte Lied „Mystery of Love“ ist dann zu hören, als Elio und Oliver bei einem Ausflug in die Natur besonders ausgelassen und glücklich wirken, was durch die Melancholie des Songs und seines Textes konterkariert wird. Noch verdrängen die Liebenden das mit Olivers Abreise nahende Ende der Beziehung, musikalisch ist dieses Ende aber schon präsent.

Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Das historische Setting und der Aufruf der Antike durch die Arbeit des Professors (und einen kleinen, unauffälligen Verweis in den Lyrics zu „Mystery of Love“) laden dazu ein, sich mit der Geschichte der Homosexualität zu beschäftigen, mit kulturellen und historischen Unterschieden im gesellschaftlichen Umgang mit gleichgeschlechtlichem Begehren. Zumindest eine kursorische Beschäftigung mit der jüngsten Geschichte ist schon deswegen empfehlenswert, weil der zeitgeschichtliche Kontext die Ausformung der Liebesgeschichte zwischen Elio und Oliver prägt, weil er ihr Verhalten verständlicher macht und die Unterstützung von Elios Eltern noch ergreifender wirken lässt. Zugleich lässt sich wunderbar über die „universelle Seite“ von Elios Situation diskutieren, denn seine relative Unbeholfenheit darin, seine Gefühle zu überspielen oder ohne Provokation zum Ausdruck zu bringen, seine Schwierigkeit damit, mit Eifersucht umzugehen, sein Sehnen und seine Nervosität, die Gleichzeitigkeit widerstreitender Impulse und Verhaltensweisen sind ja nicht geschlechtlich fixiert. Hier könnte man auch einen Vergleich zu anderen Filmen vornehmen, die das Erwachen der Sexualität thematisieren. Wenn Professor Perlman und Oliver während des Katalogisierens von Fotografien hellenistischer Skulpturen über deren Sinnlichkeit sprechen, fordert der Film aber auch geradezu dazu auf, ihn im Unterricht nicht nur als thematischen Stichwortgeber zu behandeln, sondern ästhetisch zu begreifen, seine eigene Sinnlichkeit in den Blick zu nehmen. Hier sind vielfältige künstlerische Annäherungsformen denkbar, etwa durch Filmstills inspirierte Zeichnungen verschiedener Körperposen, Fotografien, die die Stimmung eines Raumes oder einer Jahreszeit einfangen sollen, kurze Videos, die keine Handlung sondern einen Raum „erzählen“, bei denen vielleicht die Kombination mit einem ungewöhnlichen Musikstück eine besondere Stimmung erzeugt, Dialoge, die sich um etwas Ungesagtes drehen, in Vieldeutigkeit verharren. Zur Beschäftigung mit der Erzählweise des Films regt auch ein kurzer Videoclip an, der für die Reihe „Anatomy of a Scene“ der New York Times erstellt wurde. Regisseur Luca Guadagnino bespricht darin eine Szene, die einen Wendepunkt in der Beziehung von Elio und Oliver darstellt und zugleich ihren bisherigen „Tanz des Begehrens“ räumlich zum Ausdruck bringt, ihr Umrunden eines offensichtlichen, aber unausgesprochenen Themas in vorsichtiger Distanz. Last but not least ist auch ein Vergleich mit André Acimans gleichnamiger Romanvorlage denkbar, wobei es für Lehrkräfte möglicherweise wichtig zu wissen ist, dass der Roman stellenweise deutlich expliziter ausfällt als der Film – und dass es letztlich auch ein wenig schade ist (das findet zumindest die Autorin des vorliegenden Textes), wenn die wunderbare visuelle Mehrdeutigkeit durch die Stimme des Ich-Erzählers und dessen Deutung des Geschehens und seiner Gefühle verengt wird.

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