Aus dem Nichts

Deutschland, Frankreich 2017
Regie: Fatih Akin
Laufzeit:
106 Mn.
Genre:
Drama
FSK:
ab 12 Jahre
Schulunterricht / Altersempfehlung:
11. - 13. Klasse | ab 16 Jahre
Themen:
Rechtsextremismus, Rassismus, Terrorismus, Familie, Liebe, Opfer, Trauer/Trauerarbeit, Recht, Gerechtigkeit, Selbstjustiz, Individuum (und Gesellschaft), Schuld (und Sühne)
Unterrichtsfächer:
Deutsch, Politik, Sozialkunde/Gemeinschaftskunde, Ethik, Religion, Geschichte

Beschreibung

Inhalt
Mit ihrem türkischstämmigen Mann Nuri und dem kleinen Sohn Rocco führt Katja ein glückliches Familienleben. Geheiratet wurde im Gefängnis, wo Nuri wegen kleinerer Drogendelikte einsaß. Mit einem Steuer- und Übersetzungsbüro auf dem Hamburger Kiez gelang ihm ein Neuanfang. Als Katja durch einen Bombenanschlag Mann und Sohn verliert und damit auch ihr Leben zerstört wird, hat sie nur eine Erklärung: "Das waren Nazis!" Doch die Polizei glaubt ihr nicht, vermutet stattdessen türkisch-kurdische Konflikte oder angebliche kriminelle Geschäfte ihres Mannes als Motiv eines Racheakts. Schließlich wird dann doch ein junges Neonazi-Paar gefasst und vor Gericht gestellt. Die Aussicht auf lückenlose Aufklärung und eine Bestrafung der Täter hält Katja, durch den grausamen Verlust und die demütigenden Untersuchungen innerlich zerbrochen, am Leben. Doch der Prozess endet wider Erwarten mit einem Freispruch. In ihrer Verzweiflung fasst Katja den Entschluss, das Recht in die eigene Hand zu nehmen.

Fiktionalisierung eines NSU-Anschlags
Mit den zentralen Handlungselementen seines Thrillers legt Regisseur Fatih Akin eindeutige Spuren: Aus dem Nichts ist eine Verarbeitung der Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), wenn auch in stark fiktionalisierter Form. Sein Ausgangsszenario ähnelt dem Nagelbombenanschlag vom 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße, bei dem 22 Personen zum Teil lebensgefährlich verletzt, aber wie durch ein Wunder niemand getötet wurde; Schauplatz der Handlung ist hier allerdings Hamburg, wie in fast allen Filmen des deutsch-türkischen Filmemachers. Im Mittelpunkt stehen nicht die Täter und ihre heimtückischen Motive, sondern Trauer und Schmerz der Angehörigen. Die stärkste Abwandlung der realen Vorgänge liegt in der Besetzung der Hauptrolle mit einer bekannten Schauspielerin nicht-türkischer Herkunft – eine künstlerische Entscheidung, die gängige Repräsentationsmuster bewusst unterläuft.

Eine Kämpfernatur am Abgrund
Katja, intensiv gespielt von Diane Kruger, ist eine starke Frau. Mit ihrer deutsch-türkischen Ehe fungiert sie zunächst, wie viele Figuren aus Akins Dramen und Komödien, als Scharnier zwischen den verschiedenen Communities. Mit dem Verlust ihrer Familie wird ihr Leben, aber auch die Illusion dieses selbstverständlichen Miteinanders zerstört. Beim gemeinsamen Trauern haben sich ihre deutschen und Nuris türkische Eltern nichts zu sagen. Katjas Mutter teilt sogar den Verdacht der Polizei, ihr getöteter Schwiegersohn sei "in irgendwas verwickelt" gewesen. Solche Anschuldigungen stoßen Katja immer weiter gen Abgrund. Sie betäubt ihren Schmerz mit Drogen und unternimmt schließlich sogar einen Selbstmordversuch. Erst der Gerichtsprozess, bei dem sie neben ihrem Freund und Anwalt Danilo als Nebenklägerin auftritt, weckt wieder ihre Kämpfernatur.

Schmerzhafte Erkenntnis: Recht ist nicht gleich Gerechtigkeit
In diesem Mittelteil einer Dreiaktstruktur, die auch durch Kapitel angezeigt wird ("Die Familie", "Gerechtigkeit", "Das Meer"), wandelt sich der Film zum klassischen Gerichtsdrama – nach den Regeln des deutschen Rechtsstaats. Katja muss ohnmächtig zusehen, wie die Verteidigung jeden juristischen Trick auffährt. Ihrem Anwalt Danilo gelingt es zwar, gefälschte Alibis und infame Vorhaltungen wegen ihres Drogenkonsums nach und nach zu entkräften. Doch die Zweifel an einer Verurteilung wachsen. Die Reue des Vaters eines der Angeklagten, der seinen Sohn selbst angezeigt hat, kann ihren Schmerz nicht lindern. So steigert sich die Trauer immer mehr zur Wut. In diesem Indizienprozess, in dem die Angeklagten schweigen und der Ruf nach Gerechtigkeit in zermürbenden Detailfragen unterzugehen droht, zeigen sich deutliche Parallelen zum noch immer unabgeschlossenen NSU-Prozess. Das Leid der Angehörigen spielt vor Gericht keine Rolle, es erfüllt keine juristische Funktion. Der Freispruch erfolgt aus Mangel an Beweisen: in dubio pro reo.

Letzter Ausweg Selbstjustiz?
Als Filmemacher sieht Fatih Akin seine Aufgabe darin, diesen Ohnmachtsgefühlen, dem Schmerz und der Wut, subjektiv Ausdruck zu verleihen. Vor diesem Hintergrund sollte man den letzten Akt des Films verstehen, in dem Katja zu einem in einem Rechtsstaat verbotenen Mittel greift: der Selbstjustiz. Anders als in den meisten Filmen des umstrittenen Genres "Selbstjustiz-Thriller" liegt in ihrer Tat kein Triumph; die Inszenierung erfolgt ohne reißerische Effekte. Die Trauer bleibt. Wie Fatih Akin bei der Premiere des Films auf dem Filmfestival von Cannes diesen Jahres erklärte, kanalisiert Aus dem Nichts nicht zuletzt die persönlichen Wutgefühle des Regisseurs. Sein Film ist keine objektive Rekonstruktion der Ereignisse, sondern die bittere Anklage einer Gesellschaft, in der Neonazis zehn Jahre lang unentdeckt morden konnten. Angesichts des vor dem Landgericht München laufenden Verfahrens gegen Beate Zschäpe und vermutliche Unterstützer des NSU kann die Wahl seiner künstlerischen Mittel natürlich hinterfragt werden. Doch die entscheidende Frage stellt er selbst, mit seinem klug aufgebauten Film, und sie richtet sich direkt an die deutsche Mehrheitsgesellschaft: Was wäre, wenn der rechtsextreme Terror euch selbst träfe? Würdet ihr die Opfer verdächtigen? Seine Wut gilt der Gleichgültigkeit.

Autor: Philipp Bühler, freier Filmjournalist und Redakteur, 17.11.2017